Freitag, 5. Januar 2018

#WMDEDGT 1/18

Auch im neuen Jahr fragt Frau Brüllen wieder an jedem fünften eines Monats WMDEDGT?, also  "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?"

Morgens verschlafe ich. Das ist nicht so schlimm, denn ich arbeite ja seit drei Wochen in Teilzeit. Noch habe ich die 30 Wochenstunden auf fünf Tage verteilt, nicht auf vier, fange also spät an und höre früh auf. Durch's Verschlafen habe ich aber nicht so viel Zeit zum Wachwerden. Da ich seit einigen Tagen wetterbedingt schlecht schlafe und Kopfschmerzen habe, hänge ich in den Seilen. Ich werde auch den ganzen Tag nicht richtig wach.

Den Gatten sehe ich nur kurz, er muss ins Büro. Verschlafen, wie ich bin, vergesse ich, ihn daran zu erinnern, dass er für die nächste Woche einen Urlaubstag einreichen soll, weil die Rauchmelder kontrolliert werden und die Uhrzeit ausgesprochen ungünstig liegt, dass es ohne Urlaubstag nicht geht. Ich möchte noch keinen Gleittag nehmen, denn momentan, in der Einarbeitungsphase, ist es mir wichtig, jeden Tag im Büro zu sein. Mal schauen, ob der Gatte auch so daran denkt.

Ich trinke Kaffee, während ich durch's Netz stöbere, lade das reservierte Exemplar "Backfischalarm*" runter, hänge Wäsche auf, dusche und mache mich fertig. Das dauert morgens etwas länger, denn im neuen Job schminke ich mich wieder. Heute verschwor sich aber der Schminkkrams gegen mich: Ein dicker Klecks Make-up landet auf dem Hemd, Lidstrich und Wimperntusche wollen nicht in Ort und Stelle bleiben. Außerdem hat das Shirt, das ich tragen will, ein Loch, also schnell noch mal umziehen.

Mittlerweile läuft mir die Zeit davon. Immerhin schmiere ich mir Brote, denke daran, dass noch etwas Geschirr und das Gestell für meine Ablagekörbe mit ins neue Büro müssen und nehme den Fisch für's Abendessen aus dem Tiefkühler, bevor ich aus dem Haus stürze. Bus und Bahn sind zum Glück pünktlich und leer, damit ich samt Sack und Pack genug Platz habe (noch sind ja Ferien, außerdem ist die Stoßzeit vorbei).

Im Büro bitte ich einen Kollegen, mir noch mal das CMS, mit dem unsere Webseiten erstellt werden, zu erklären. Es unterscheidet sich total von dem, mit dem ich die letzten neun Jahre arbeitete, ist wesentlich umständlicher, nicht selbsterklärend. So muss beispielsweise für jeden Link ein eigenes Template angelegt werden ... Immerhin: Nach knapp einer Stunde ist ein Veranstaltungshinweis online. Tschakka! Am Endes des Tages werde ich eine Seite in groben Zügen fertig und nebenbei ein CMS-Tutorial erstellt haben.

Der Kollege teilt mir auch mit, dass ich seit gestern Zugriff auf das Abteilungslaufwerk haben sollte. Nein. Immerhin: Unsere IT hat nach drei Wochen und mehrfacher Intervention gestern registriert, dass ich nicht mehr zur Leitungsebene gehöre. Konsequenterweise hat sie dann nicht nur meinen Zugriff auf die Leitungsebene unterbunden, sondern mein Profil gleich ganz gelöscht. Aktuell arbeite ich also gar nicht im Betrieb. Zum Glück läuft bei uns vieles unabhängig von der Betriebs-IT, hat diese nicht meine Nutzerkennung gelöscht, sonst drehte ich Däumchen. Gehörte ich noch zur Leitungsebene, wäre das IT-Gedöns binnen einer Stunde erledigt gewesen ...

Ich telefoniere mit Kollegin I aus der alten Abteilung, weil ich Terminanfragen an Blaumann II noch immer zur Kenntnis bekomme und in seinem Namen agieren könnte. Kollegin II dachte nicht daran, das abzustellen, aber die I ist clever und kümmert sich sofort darum. Wir klönen ein bisschen und freuen uns beide auf unsere Verabredung in zwei Wochen. Ich vermisse das alte Team (bis auf Kollegin II), bin aber mit der Entscheidung zum Stellenwechsel nach wie vor zufrieden.

Dann guckt eine Kollegin, die gerne strickt, ins Büro, um über meinen Schal mit Bremer Muster zu reden. Den trage ich seit ein paar Tagen und er gefällt ihr gut. Das Muster hat sie natürlich längst bekommen. Dass in dieser Abteilung viel miteinander geredet wird, ist etwas, woran ich mich gewöhnen muss. Ursprünglich dachte ich daran, den Besprechungstisch aus meinem Büro zu werfen, aber schon am ersten Arbeitstag merkte ich, der wird gebraucht.

Kurz kommt Hektik auf wegen einer Abfrage mit Frist. Wir müssen zuliefern. Die Chefin ist der Meinung, ich kenne mich durch meine bisherige Leitungsebenen-Tätigkeit mit solchen Abfragen aus und beauftragt deswegen mich mit der Erledigung. Wir sind, da es nicht die erste Abfrage dieser Art ist, gut aufgestellt, und ich ahne, dass ich für solche Abfrage zukünftig zuständig sein werde. Die Parlamentsdatenbank gehört schon seit der ersten Woche im neuen Job zu meinen bevorzugten Arbeitsmitteln ...

Eine Kollegin fragt, ob ich einen Ausdruck der Inhaltsverzeichnisse, die sie für Ordner erstellte, haben möchte. Klar, betrifft ja einen der drei Bereiche, für die ich zuständig bin. Die Irritation darüber, dass jemand Inhaltsverzeichnisse für Ordner erstellt, behalte ich für mich. In diesen Momenten wird mir bewusst, dass ich in der Verwaltung arbeite.

Die Chefin ruft vom Flur ins Büro, ihr sei gerade auf dem Klo eingefallen, dass wir was zum Bereich XY machen könnten. Das fiele doch in mein Ressort, da könnte ich mir doch schon mal Gedanken für die Webseite machen. Ich notiere ihre Idee und packe sie auf den Ideenstapel, der stetig wächst.

Ich möchte noch das CMS-Tutorial beenden und ignoriere deswegen den Feierabend. Als ich eine halbe Stunde später mein Geschirr in die Küche trage, treffe ich dort die Chefin, die gerade von Israel schwärmt und fragt, ob ich Hebräisch spreche. Sie will es unbedingt lernen und fragt, ob das geht. Klar. Mit Israel-Heimweh gehe ich ins Wochenende.

An der Bushaltestelle lamentiert eine alte Frau auf Deutsch mit osteuropäischem Zungenschlag lautstark darüber, dass alle Deutschen Ausländer seien und alle Ausländer was gegen Ausländer hätten, weil sie sich lieber selbst Liebkind bei den Deutschen, die doch nach ihrer Logik Ausländer sind, machen wollen.

Ziel ihres Monologs ist ein nichtdeutscher Jugendlicher, der ihr in gebrochenem Deutsch antwortet. Dass er der Alten nicht folgen kann, liegt nicht an seinen Deutschkenntnissen. Bevor ich die Überlegung, ob ich irgendwie eingreifen muss, abgeschlossen habe, kommt der Bus, den die beiden nehmen. Mein Bus braucht noch etwas. Im Bus lese ich dann die letzten Seiten von "Ostseesühne*".

Zu Hause erwartet mich der Gatte. Ja, er hat daran gedacht, einen Urlaubstag einzureichen, weiß aber noch nicht, ob er ihn auch bekommt. Und überhaupt: Er ist jetzt auf Stellensuche. Na prima.

Ich fülle eine Waschmaschine, schminke mich ab, werfe mich in die Wohlfühlklamotten und für ein Stündchen mit Strickzeug auf's Sofa. Dann will die Wäsche aufgehängt werden. Der Gatte und ich räumen die Spülmaschine aus, er räumt sie wieder ein, ich räume sie um und stelle sie an. Der Gatte macht Gurkensalat und setzt Kartoffeln auf, während ich mit Mudderns telefoniere. Ihr Schlaganfall ist fast ein Jahr her. Ich bin dankbar, dass ich sie noch habe.

Der Gurkensalat ist fertig. Ich paniere den Fisch, brate ihn, gieße die Kartoffeln ab und brate sie kurz an. Als beides fertig ist, ist der Gatte im Tiefschlaf. Um seine Fähigkeit, mal eben kurz so fest einzuschlafen, dass um ihn herum die Welt explodieren könnte, beneide ich ihn. Für die nächste Stunde ist er nur mit Gewalt wachzubekommen, und das bringe ich nicht über's Herz. Also stelle ich sein Essen im Ofen warm, gieße mir ein Glas Weißwein ein und genieße mein Essen alleine.

Wie erwartet, wacht der Gatte nach einer Stunde Tiefschlaf auf und stürzt sich auf sein Essen. Ich verbringe den Abend strickend auf dem Sofa. Im Bett lese ich die ersten Seiten von "Die Toten am Sund*", bevor mir die Augen zufallen.

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